Die „Geierwally“ und Innsbruck
„Innsbruck ist die Stadt meiner Sehnsucht“ – dieser Satz von Anna Stainer‑Knittel zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben und ihr künstlerisches Werden. Denn erst in Innsbruck wurde aus dem „Annele“ aus dem Lechtal jene selbstbewusste Malerin, die wir heute kennen – und zugleich eine der ersten Frauen Tirols, die ihr Leben konsequent nach eigenen Vorstellungen formte.
Sehnsucht statt Heimatidylle
Als Anna 1862 zum zweiten Mal einen Jungadler aus dem Nest in der gefährlichen Saxerwand holt, ist sie noch fest im Lechtal verwurzelt – und doch längst innerlich unterwegs. Ihr Vater zähmt den Adler „Hansl“ für den Verkauf an adelige Häuser, aber Anna spürt, dass ihr eigener Weg nicht in den Felswänden des Lechs endet, sondern in der Stadt: in Innsbruck. „Innsbruck ist die Stadt meiner Sehnsucht“ – das ist keine romantische Idee, sondern eine klare Entscheidung: Wer als Frau und Künstlerin wachsen will, muss dorthin, wo sich Kunst, Gesellschaft und neue Möglichkeiten begegnen.
Im abgelegenen Tal hat Anna zwar bereits Porträts gemalt – von ihrem Förderer Anton Falger und seiner Frau, von ihren Schwestern und Eltern –, doch der kleine Kreis an Auftraggebern ist bald erschöpft. Die junge Malerin stößt an unsichtbare Grenzen: wirtschaftlich, künstlerisch und gesellschaftlich. Die Sehnsucht nach Innsbruck ist daher weniger Heimweh nach einer Stadt als vielmehr Vorfreude auf ein Leben, das endlich größer sein darf als der enge Rahmen ihres Herkunftsortes.
Ihr Selbstbildnis ist eine Eintrittskarte in die Stadt
Der Schritt nach Innsbruck beginnt paradoxerweise mit einem Blick auf sich selbst. Als die Porträtaufträge im Lechtal ausbleiben, malt Anna ihr eigenes Bild – ausgerechnet jenes Selbstbildnis, das ihr die Tür zur Innsbrucker Kunstszene öffnen wird. Voller Zweifel schickt sie das Gemälde nach Innsbruck, „voll Bangen“, wie sie später schreibt. Doch die Stadt, nach der sie sich gesehnt hat, antwortet ihr in der klaren Sprache der Anerkennung: Das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum kauft das Bild an und schickt ihr 44 Gulden.

Das Selbstbildnis von Anna Knittel wurde 1863 vom Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum angekauft. Dieser erste wirtschaftliche Erfolg ebnete ihr finanziell den Weg nach Innsbruck. Bild: Tiroler Landesmuseen TLM
Dieser Ankauf ist mehr als ein wirtschaftlicher Erfolg. Er ist eine Einladung: Innsbruck signalisiert der jungen Künstlerin, dass ihr Blick, ihre Handschrift und ihr Mut willkommen sind. Aus einem unsicheren „Ich versuche es“ wird ein „Ich gehöre dahin“. Der Geldbrief aus Innsbruck finanziert ihre Übersiedlung – aber vor allem legitimiert er ihren Traum. Die Stadt, von der sie geträumt hat, macht sich zur Verbündeten.
Ankommen in Innsbruck: Quartier, Aufträge, Anerkennung
In Innsbruck bezieht Anna zunächst ein Quartier bei Dr. Brauner, einem Regimentsarzt. Es ist kein glamouröser Start, aber genau der richtige Ort, um Fuß zu fassen. Der erste Auftrag lässt nicht lange auf sich warten: Ein Bild des Erzherzogs Karl Ludwig, bestimmt für die Innsbrucker Schützen, die zur Eröffnung des neuen Landeshauptschießstandes in der Höttinger Au ein repräsentatives Porträt brauchen. Anstatt im Verborgenen zu malen, arbeitet Anna nun für eine Institution des öffentlichen Lebens – mitten in der Stadt, mitten im Geschehen.
Dass aus einem geplanten großformatigen Radetzky-Porträt schließlich nur ein Brustbild wird, nutzt Anna selbstbewusst zu ihren Gunsten: Sie nimmt die großformatige Leinwand und setzt ihre eigene Version der berühmten Adlerhorst-Szene gegen die männliche Sicht des Malers Mathias Schmid. Der hatte sie in der ‚Illustrierten Rundschau‘ unförmig und dicklich dargestellt. Sie schreibt sich also buchstäblich selbst in die Bildgeschichte Tirols ein. Innsbruck wird zur Bühne, auf der sie ihre eigene Geschichte erzählt – und nicht bloß die Vorstellungen anderer illustriert.
Ihr Vermieter unterstützt sie mit einer originalen Generalsuniform als Vorlage. Die Szene zeigt viel von dem, was Innsbruck für Anna bedeutet: Hier trifft sie auf Menschen, die sie ernst nehmen, ihr vertrauen, ihr Material und Aufträge besorgen. Sie ist nicht mehr die Tochter aus dem Lechtal, die „eh ganz gut malen kann“, sondern eine Künstlerin, deren Arbeit Teil des Innsbrucker Stadtlebens wird.
Dass aus einem geplanten großformatigen Radetzky-Porträt schließlich nur ein Brustbild wird, nutzt Anna selbstbewusst zu ihren Gunsten: Sie nimmt die großformatige Leinwand und setzt ihre eigene Version der berühmten Adlerhorst-Szene gegen die männliche Sicht des Malers Mathias Schmid. Der hatte sie in der ‚Illustrierten Rundschau‘ unförmig und dicklich dargestellt. Sie schreibt sich also buchstäblich selbst in die Bildgeschichte Tirols ein. Innsbruck wird zur Bühne, auf der sie ihre eigene Geschichte erzählt – und nicht bloß die Vorstellungen anderer illustriert.

Mathias Schmid schuf einen Stich, mit dem Anna Knittel in Wolf’s Illustrirter Rundschau der breiten deutschen Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Eine Darstellung, die Anna absolut nicht akzeptierte. Sie entschloss sich, dem Schmid-Stich ein Selbstbildnis entgegenzustellen.

Anna Knittels Selbstbildnis ihres Abstieges zum Adlerhorst und die Bergung des Jungadlers in einem Leinensäckchen. Man sieht auch das wichtigste Werkzeug dieser Aktion, einen Haken, mit dem man normalerweise Holz aus dem Fluss fischt. Und wer das Bild genau betrachtet sieht in der linken unteren Ecke ein Männlein sitzen. Das war vermutlich der Vater Annas, der ihre mutige Tat auch tatsächlich verfolgte.
"Den will ich"
Doch Innsbruck ist für Anna nicht nur Arbeitsort, sondern auch der Platz, an dem sich ihr privates Glück entscheidet. 1866 wohnt sie am Innrain im Haus der Familie Knapp. Hier kreuzen sich zwei Lebenswege: ihrer und der des jungen Geschäftsmannes Engelbert Stainer. Er ist Formator, ein „Anfänger“, wie sie schreibt, mit einer angeblich reichen Braut in der Schweiz, begabt, fleißig, musikalisch. Auf den ersten Blick scheint er nicht der Traummann, den sich eine Künstlerin erträumt – und doch trifft Anna eine innere, radikale Wahl: „Diesen oder keinen.“

Engelbert Stainer, Anna Knittels große Liebe.
Dass diese Begegnung ausgerechnet in Innsbruck stattfindet, ist kein Zufall. Die Stadt bündelt Möglichkeiten, Wege, Biografien. Engelbert, der Gipsfiguren formt und sich mühsam in ein neues Handwerk einarbeitet, beeindruckt Anna gerade durch seine Beharrlichkeit. Hier, in der Stadt ihrer Sehnsucht, erkennt sie jemanden, der ebenso wie sie gegen Erwartungen und bequeme Lebensentwürfe ankämpft. Innsbruck wird so zur Kulisse einer Liebesgeschichte, die weit über romantische Klischees hinausgeht: Zwei Menschen beschließen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – und zwar gemeinsam.
Anna trotz aller Konventionen
Anna und Engelbert verloben sich 1867. Als er ihr gesteht, dass eine frühere Beziehung ein uneheliches Kind erwartet, entscheidet sie sich bewusst für ihn – und gegen die Moralvorstellungen ihrer Zeit. Ihre Eltern verweigern die Zustimmung, der Vater bricht den Kontakt ab. Doch Anna bleibt standhaft: Lieber Armut an der Seite Engelberts als ein „geordnetes“ Leben nach fremden Regeln.
Auch hier spielt Innsbruck eine zentrale Rolle. Die Stadt bietet ihr die Möglichkeit, unabhängig zu sein – materiell wie geistig. Mit ihrer Kunst kann sie zum gemeinsamen Lebensunterhalt beitragen, statt sich von familiären Almosen abhängig zu machen. Ihre Weigerung, vor dem Vater niederzuknien, um Vergebung zu betteln, ist symbolisch: „Nein, knien tut die Anna nicht.“ Sie kehrt zwar zur Trauung noch einmal ins Lechtal zurück, doch ihr eigentlicher Lebensmittelpunkt liegt längst woanders. Ihre Zukunft schreibt sie in Innsbruck – und sie tut es aufrecht, nicht im Kniefall.

Ihre ‚frühere Welt‘ hielt Anna Stainer-Knittel in diesem Bild fest: Kirchgang in Elbigenalp.
Alltag in Innsbruck: Enge Wohnung, weites Leben
Nach der Hochzeit führt die Hochzeitsreise zwar über Reutte, Hohenschwangau und München – doch beide merken rasch, dass sie die große Stadt nicht mehr reizt. München ist abgegolten. Ihr Herz zieht sie zurück nach Innsbruck. Hier, im Duregger-Haus in Wilten, beziehen sie eine neue Wohnung mit angeschlossenem Geschäftslokal. Die Wohnverhältnisse sind bescheiden, „zwei konnten in der Wohnung nicht nebeneinander stehen“, erinnert sich Anna. Und doch beschreibt sie diese Zeit als erfüllt: Der Laden ist groß, er füllt sich nach und nach mit Leben, Kundschaft und Hoffnung.
Man könnte sagen: Die Räume sind klein, das Leben ist groß. Innsbruck bedeutet für Anna nicht Wohlstand und Bequemlichkeit, sondern die Freiheit, ihr Leben selbst zu gestalten. Sie arbeitet, sie liebt, sie erzieht ihre Kinder – und sie tut das in einer Stadt, die ihr zwar nichts schenkt, aber auch nichts verbietet. Hier kann sie Malerin, Ehefrau, Mutter und Unternehmerin zugleich sein, ohne sich in eine dieser Rollen einsperren zu lassen.
Innsbruck ist ihre Bühne der Selbstbestimmung
Ein Foto aus dieser Zeit zeigt Anna mit Kurzhaarfrisur – ein Affront gegen die gesellschaftlichen Vorstellungen der damaligen Zeit, für sie selbst eine Selbstverständlichkeit. Gerade in Innsbruck, wo sie täglich im öffentlichen Raum auftritt, Kunden empfängt und Kontakte pflegt, ist dieses äußere Zeichen Teil ihrer inneren Haltung: Sie lässt sich nicht definieren, weder von Moden noch von männlichen Erwartungen. Die Stadt macht es möglich, dass eine Frau sichtbar anders sein kann, ohne sofort aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Anna Stainer-Knittel mit Kurzhaarfrisur um 1865 © aus: Nina Stainer – Anna Stainer-Knittel, Malerin..jpg
Wenn wir heute auf dieses Innsbrucker Leben der Anna Stainer‑Knittel zurückblicken, erkennen wir, wie modern ihre Entscheidungen waren. Sie verlässt das Tal, um als Künstlerin ernst genommen zu werden. Sie widersetzt sich der patriarchalen Autorität ihres Vaters. Sie wählt ihren Mann nach eigener Überzeugung, nicht nach sozialer Zweckmäßigkeit. Sie nimmt wirtschaftliche Unsicherheit in Kauf, um Unabhängigkeit zu gewinnen. Und sie tut all das nicht im Verborgenen, sondern sichtbar im urbanen Raum Innsbrucks.
"Stadt meiner Sehnsucht" - und ihrer Erfüllung
„Innsbruck ist die Stadt meiner Sehnsucht“ – am Ende ist dieser Satz nicht nur Ausdruck eines inneren Drängens, sondern auch die Bilanz eines gelungenen Lebensentwurfs. Die Stadt bleibt für Anna Stainer‑Knittel nicht bloß Projektionsfläche ihrer Träume, sondern wird zum konkreten Ort der Erfüllung: Hier findet sie Anerkennung als Malerin, hier begegnet sie ihrem Lebensmenschen, hier wächst ihre Familie, hier lebt sie ein Maß an Freiheit, das für Frauen ihrer Zeit außergewöhnlich ist.
Die Zitate aus den Lebenserinnerungen von Anna Stainer-Knittel habe ich dem sehr interessanten Werk „Anna Stainer-Knittel, Malerin“ entnommen, das 2015 anlässlich ihres 100. Todestages von Nina Stainer, ihrer Urenkelin im Innsbrucker Universitätsverlag Wagner eschienen ist.

Literatur
Anna Stainer-Knittel Malerin
von Nina Stainer
Das umfangreichste Werk zum Leben von Anna Stainer-Knittel gibt es als Buch und e-book.
von Nina Stainer
Das umfangreichste Werk zum Leben von Anna Stainer-Knittel gibt es als Buch und e-book.

Autor
Werner Kräutler
Werner Kräutler


