„Aus der Enge der Täler in die Weite des Denkens“

Als junge Frau aus dem wilden Lechtal wagte Anna Knittel im 19. Jahrhundert, was sich damals nur wenige Frauen trauten: Sie wollte Malerin werden. Und das in einer Welt, die Kunst quasi als ‚ur-männliches‘ Privileg betrachtete.
Ihr Weg zur Künstlerin begann in bescheidenen Verhältnissen. Ihr damals schon ausgeprägter, unbeugsamer Wille und die Unterstützung durch ihren Mentor Anton Falger machten sie zu einer der bedeutendsten Tiroler Frauenfiguren. Denn sie war schon vor knapp 200 Jahren wild entschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Ihre Lebensgeschichte ist nicht nur ein Kapitel über Kunst, sondern auch über den Kampf einer Frau gegen gesellschaftliche Schranken und Konventionen.

Aufbruch aus dem Lechtal

Anna Knittels malerisches Talent zeigte sich schon früh. Ihr Vater, ein stolzer Jäger und Büchsenmacher, erkannte ihre Begabung und gab sie in die Obhut des bekannten Künstlers und Lithografen Anton Falger. Falger, selbst ein vielseitiger Forscher, Illustrator und Lehrer, war begeistert und nahm sie unter seine Fittiche. Er ermutigte sie, sich weiterzubilden und öffnete ihr schließlich den Weg nach München, wo er ihr half, in die Vorschule der Königlichen Kunstakademie aufgenommen zu werden – denn Frauen waren dort offiziell noch gar nicht zugelassen.
BILD: Anton Falger von Anna Knittel

Der steinige Weg zur Ausbildung

Im Herbst 1859 machte sich Anna und ihr Vater, finanziell unterstützt von Falger, zu Fuß auf den Weg nach München – eine Reise von beinahe 200 Kilometern. Dort angekommen, stieß sie auf die brutale Realität der männlich dominierten Kunstwelt: Die Akademie der Bildenden Künste nahm keine Frauen auf. Stattdessen durfte sie nur an der sogenannten „Vorschule“ mitarbeiten – einem vorbereitenden Kurs, der Frauen in bescheidenem Rahmen das Zeichnen erlaubte, jedoch keine akademischen Titel oder vollständige Ausbildung anbot.

Anna lebte in äußerst bescheidenen Verhältnissen. Sie wohnte in einem kargen Internat, kämpfte oft gegen Hunger und Einsamkeit. In Briefen schilderte sie, wie sie ihre Malutensilien kaum bezahlen konnte, wie sie Heimweh nach den Bergen hatte und die Stadt gleichzeitig als Ort der Freiheit erlebte. Jedes Blatt Papier war für sie wertvoll – so sehr, dass sie „das Kreide-Ausputztuch schon fast als Brot betrachtete“, wie sie später schrieb.

Doch sie ließ sich nicht entmutigen: Statt aufzugeben, suchte sie außerhalb der Akademie Lehrer, die sie privat unterrichteten. Einer dieser ersten Förderer in München war der Maler Josef Muhr, bei dem sie Porträtieren und Kopieren lernte. Es war eine mühsame, aber tiefgehende Ausbildung: Muhr lehrte sie die Präzision des Blicks, das Modellieren von Gesichtern und den Respekt vor dem Licht.

Leben und Lernen in München

In München traf Anna Knittel eine Vielzahl bedeutender Künstler und gewann so wichtige Einblicke in die damalige Kunstszene. Besonders prägend war der Austausch mit Mathias Schmid, einem Tiroler Genremaler, der ihren stilistischen Feinsinn schulte und ihre Verbindung zu ihrer Heimat vertiefte. Ebenso bedeutend war ihre Bekanntschaft mit dem angesehenen Romantiker Moritz von Schwind, der sie durch seine poetische Bildsprache beeinflusste.

Ein Schlüsselmoment war ihr Besuch im Atelier des legendären Karl von Piloty, des führenden Historienmalers jener Zeit. Seine monumentalen Szenen und dramatischen Figurenstudien ließen Anna zugleich Ehrfurcht und Inspiration empfinden. In ihren Aufzeichnungen schrieb sie, wie klein sie sich vor dieser künstlerischen Größe fühlte – und doch, wie sehr sie dieser Moment anspornte, ihren eigenen Stil zu entwickeln.
Bild: Blick auf München vom Maximilianeumaus, Lithographie, vor 1892
Bild: Ansicht des Vereinsgebäudes am Münchner Hofgarten, ganz links: Durchgang in die Arkadengänge, Eduard Riedel 1866
Die Bilder wurden von Nina Stainers Werk "Anna Stainer-Knittel Malerin" übernommen. Das umfangreichste Werk zu Annas Leben.

Die gesellschaftlichen Barrieren

Für eine Frau ihrer Zeit war das Malen nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein moralisches Wagnis. Das Zeichnen von Aktmodellen galt als unanständig, der Besuch von Ateliers fremder Männer als unschicklich. Anna Knittel brach diese Tabus bewusst: Sie wagte sich an weibliche Aktstudien, studierte Anatomie und versuchte, die Grenzen dessen, was einer Frau als „passend“ galt, immer wieder zu verschieben.
Bild: Anna Stainer-Knittel mit Kurzhaarschnitt
Ihre Mitstudentinnen – wenige und oft isolierte Frauen – bildeten eine kleine, solidarische Gemeinschaft. Doch in der Öffentlichkeit blieb ihr Beitrag unsichtbar. Kunstkritiker ignorierten ihre Arbeiten oft, weil sie von einer Frau stammten. Dennoch wuchs ihre Anerkennung durch Fleiß und Talent: Ihre Porträts, besonders ihr „Selbstporträt in Lechtaler Tracht“ von 1863, überzeugten sogar das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, das das Werk kaufte – eine außergewöhnliche Anerkennung für eine Künstlerin jener Zeit.

Begegnungen und bleibende Eindrücke

Die Münchner Zeit hatte Anna Knittel nachhaltig verändert. Sie hatte von den Besten gelernt – von Piloty, Schwind, Schmid – und zugleich erfahren, wie wenig Platz Frauen in der Kunst eingeräumt wurde. Diese Erfahrung machte sie zur Kämpferin für Bildung und Selbstbestimmung. Ihr Leben stand exemplarisch für viele Frauen des 19. Jahrhunderts, die nicht in Salons geboren wurden, sondern sich ihren Platz in der Kunst erarbeiten mussten. Ihr Name schien mit jener Tat zu verschmelzen, die sie als ‚Geierwally‘ berühmt gemacht hatte: eine Frau, die sich als Frau stets für Freiheit und Selbstbestimmung eingesetzt hatte. Und sich so einen Platz in der Kunstgeschichte erkämpft hatte.
Bild: Mathias Schmid, Bauernmädchen an einem Köhlerofen
Die Münchner Zeit hatte Anna Knittel nachhaltig verändert. Sie hatte von den Besten gelernt – von Piloty, Schwind, Schmid – und zugleich erfahren, wie wenig Platz Frauen in der Kunst eingeräumt wurde. Diese Erfahrung machte sie zur Kämpferin für Bildung und Selbstbestimmung. Ihr Leben stand exemplarisch für viele Frauen des 19. Jahrhunderts, die nicht in Salons geboren wurden, sondern sich ihren Platz in der Kunst erarbeiten mussten. Ihr Name schien mit jener Tat zu verschmelzen, die sie als ‚Geierwally‘ berühmt gemacht hatte: eine Frau, die sich als Frau stets für Freiheit und Selbstbestimmung eingesetzt hatte. Und sich so einen Platz in der Kunstgeschichte erkämpft hatte.

Sie selbst schrieb später, dass der Weg nach München sie „aus der Enge der Täler in die Weite des Denkens“ geführt habe – ein Satz, der ihr Lebensprogramm auf den Punkt bringt.
Autor
Werner Kräutler
Lesetipp:
Die freie Journalistin und Autorin Alexandra Keller hat einen wunderschönen Text über Anna Stainer-Knittel geschrieben, die ich den Leser_innen ans Herz legen will: https://www.lebensraum.tirol/geierwally-superstar/